Stammhirn, Kleinhirn, Cortex – und die Hauptrolle der Wahrnehmung
Stell dir vor, du sitzt morgens im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Es ist eng, Menschen scrollen auf ihren Handys, jemand blättert in der Zeitung. Plötzlich hörst du hinter dir eine laute Stimme. Noch bevor du überhaupt verstehst, was gesagt wird, ist in deinem Körper schon etwas passiert: Dein Puls zieht leicht an, deine Schultern werden fester, dein Blick sucht unbewusst nach der Quelle des Geräuschs.
In diesem Moment ist dein innerer Neandertaler am Werk – das alte Stammhirn, über das ich in einem früheren Artikel geschrieben habe. Es scannt in Bruchteilen von Sekunden: „Laut. Unbekannt. Könnte gefährlich sein.“ Es fragt nicht lange nach, es reagiert. Genau dieses archaische Alarmzentrum hat unsere Vorfahren am Leben gehalten – und begleitet uns heute noch im Büro, im Zug und in den sozialen Medien.
Vom Neandertaler zum Regisseur – der Cortex
Doch auf diesen inneren Wächter folgt eine zweite Instanz: dein Cortex. Er ist so etwas wie der Regisseur deines inneren Films. Das Stammhirn hat gemeldet: „Da ist etwas!“ – jetzt übernimmt der Cortex und baut aus den Sinnesreizen eine Geschichte.
Er nimmt wahr, was deine Augen sehen (die Situation im Zug), was deine Ohren hören (Wortwahl, Tonfall), was dein Körper meldet (Anspannung, Kribbeln, Unruhe). Aus all dem macht er eine Bedeutung:
• „Der ist aggressiv, gleich gibt es Ärger.“
• oder: „Der regt sich nur am Telefon auf, für mich ist das ungefährlich.“
Nicht die Situation an sich entscheidet, wie du dich fühlst – sondern die Geschichte, die dein Cortex daraus macht. Er schneidet den Film, kommentiert die Szenen, legt fest, ob du innerlich in einen Thriller, eine Komödie oder ein entspanntes Alltagsdrama eintauchst.
Der Dirigent im Hintergrund – das Kleinhirn
Während Neandertaler (Stammhirn) und Regisseur (Cortex) beschäftigt sind, arbeitet im Hintergrund eine dritte Figur: der Dirigent – dein Kleinhirn. Ihn habe ich in einem früheren Artikel bereits als Meister der Koordination vorgestellt. Das Kleinhirn sorgt dafür, dass alles zusammenpasst:
• wie du sitzt oder stehst,
• wie ruhig oder hektisch sich deine Atmung anfühlt,
• ob dein Blick fokussiert bleibt oder nervös wandert,
• ob deine Bewegungen fliessend sind oder stockend.
Es stimmt Körper, Bewegung und Timing auf den inneren Film ab. Wenn der Regisseur einen bedrohlichen Film schneidet, dirigiert das Kleinhirn unruhige, angespannte Körpermuster. Wenn der Film ruhig und zuversichtlich ist, unterstützt es eine offene Haltung, ruhigere Atmung und geschmeidige Bewegungen.
Und jetzt die Hauptdarsteller: deine Sinne
Bis hierhin hatten wir Wächter, Regisseur und Dirigent. Aber ohne Hauptdarsteller gäbe es keine Szene, keinen Film, keine Musik. Diese Hauptrollen gehören deinen Sinnen.
Über deine Wahrnehmungskanäle – Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken – kommt alles in dein System hinein. Sie liefern das Rohmaterial, aus dem Stammhirn, Kleinhirn und Cortex ihre Arbeit überhaupt erst machen können.
• Der visuelle Kanal erzeugt innere Bilder: Gesichter, Räume, Farben, Bewegungen. Viele
Menschen „denken in Bildern“ – sie sehen Situationen vor sich, manchmal wie Standbilder,
manchmal wie ganze Filme.
• Der auditive Kanal liefert den Soundtrack: Stimmen, Tonfall, Musik, Hintergrundgeräusche –
und auch deine inneren Kommentare, die berühmte „Stimme im Kopf“.
• Der kinästhetische Kanal bringt den Körper ins Spiel: Druck, Wärme, Kälte, Spannung,
Kribbeln, Leichtigkeit. Häufig weiss der Körper schon etwas, bevor der Verstand nachkommt.
• Geruchs- (olfaktorisch) und Geschmackssinn (gustatorisch) scheinen im Alltag manchmal
Nebenrollen zu haben – und doch reicht oft ein bestimmter Duft oder Geschmack, um dich
schlagartig in eine alte Erinnerung, Stimmung oder Szene zurückzuversetzen.
Ohne diese Sinne gäbe es nichts für den Neandertaler zu scannen, nichts für den Regisseur zu interpretieren und nichts für den Dirigenten zu koordinieren. Sie sind die Stars deines inneren Theaters.
Wie das Zusammenspiel funktioniert
Schauen wir noch einmal auf den Moment im Zug zurück:
1. Deine Sinne liefern Rohdaten:
• Augen: das Bild einer vollen S-Bahn, der Mensch hinter dir, seine Gesten.
• Ohren: Lautstärke, Tonfall, einzelne Worte.
• Körper: leichte Spannung, vielleicht ein Druck in der Brust oder ein Ziehen im Bauch.
2. Das Stammhirn – dein innerer Neandertaler – entscheidet: „Wichtig!“ Es schaltet dich in
erhöhte Wachsamkeit.
3. Der Cortex – dein Regisseur – nimmt diese Infos und bastelt eine Geschichte: „Da ist jemand
gefährlich“ oder „Das ist nur laut, aber harmlos.“ Daraus entstehen Gefühle wie Angst,
Ärger, Genervtsein oder Gelassenheit.
4. Das Kleinhirn – dein Dirigent – passt deine Haltung, Atmung und Bewegungen an diesen
inneren Film an: zusammengezogene Schultern oder offene Brust, flache oder tiefe Atmung,
starrer Blick oder ruhiges Scannen der Umgebung.
Was hat das mit Mentaltraining zu tun?
Im Mentaltraining arbeiten wir genau an diesen Schnittstellen: zwischen Sinneskanälen, Stammhirn, Kleinhirn und Cortex. Es geht nicht darum, irgendetwas „wegzumachen“, sondern bewusster zu führen, was ohnehin in dir abläuft.
Zum Beispiel:
• Du kannst lernen, deine inneren Bilder zu verändern – sie heller oder dunkler, grösser oder
kleiner, näher oder weiter weg zu machen.
• Du kannst mit inneren Stimmen arbeiten – kritische Kommentare leiser drehen,
unterstützende Sätze klarer und freundlicher gestalten.
• Du kannst Körpersignale frühzeitig bemerken und darauf reagieren – statt sie zu ignorieren,
bis dein System im roten Bereich ist.
Wenn du deine Sinneskanäle bewusster nutzt, beeinflusst du damit direkt, wie dein innerer Neandertaler Alarm schlägt, wie dein Regisseur die Geschichte erzählt und wie dein Dirigent deinen Körper orchestriert. Du gehst weg vom reinen Autopiloten – hin zu mehr Wahlmöglichkeiten, innerer Freiheit und mentaler Stärke.
Einladung zum Experiment
Wenn du möchtest, probiere heute Folgendes aus:
• Achte in einer Alltagssituation bewusst darauf, was du zuerst wahrnimmst: ein Bild, einen
Klang oder ein Körpergefühl.
• Beobachte, welche Geschichte dein Kopf daraus macht.
• Frage dich: „Welche andere Geschichte könnte ich aus denselben Sinnesdaten machen?“
Es geht nicht darum, dir etwas schönzureden, sondern darum, dir klarzumachen: Deine Sinne liefern Möglichkeiten. Wie du sie interpretierst und inszenierst, ist trainierbar.
Und genau hier setzt Mentaltraining an: Du lernst, deine inneren Hauptdarsteller – deine Sinne – bewusst zu führen, deinen Neandertaler zu beruhigen, deinen Regisseur neu ausrichten zu lassen und deinen Dirigenten auf einen stimmigen, kraftvollen Rhythmus einzuschwingen.
Die gesamte Artikel Serie kannst du hier abrufen.
