Warum dein Gehirn mehr ist als „links vs. rechts“

„Ich bin eher logisch.“ – „Ich bin mehr der kreative Typ.“
Solche Sätze hören wir oft, wenn es um unser Denken geht. Dahinter steckt die Idee: Links im Gehirn sitzt die Logik, rechts die Kreativität. Ein bisschen Wahrheit steckt darin – aber das Bild ist zu schlicht für ein Organ, das so komplex ist wie unser Gehirn.

Zwei Hälften, die Unterschiedliches gut können

Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften, die über eine dicke Nervenbrücke miteinander verbunden sind – den sogenannten Balken (lateinisch Corpus callosum). Man kann ihn sich wie eine mehrspurige Autobahn vorstellen, über die Informationen hin‑ und hergeschickt werden.

Vereinfacht gesagt:
• Die linke Seite ist besonders stark, wenn es um Sprache, logische Abfolgen und genaue Analyse
geht.
• Die rechte Seite ist wichtiger für räumliche Orientierung, Muster, Melodien und viele Aspekte von
Bildern und Stimmungen.

Wichtig ist: Beide Hälften sind fast immer gleichzeitig aktiv. Es ist nicht so, dass nur eine Seite „an“ ist und die andere „schläft“. Oft übernimmt nur eine Seite bei einer bestimmten Aufgabe die Führung, während die andere zuarbeitet.

Warum das alte Links‑/Rechts‑Schema überholt ist

Aus diesen Unterschieden ist in der Populärpsychologie schnell ein Etikett geworden: „linkshirnig“ oder „rechtshirnig“. Neuere neurowissenschaftliche Studien zeigen aber deutlich, dass dieses Schema als Persönlichkeits­typisierung nicht haltbar ist.

Es gibt zwar echte Spezialisierungen – zum Beispiel eher linke Sprachareale und eher rechte Schwerpunkte bei der räumlichen Verarbeitung –, aber:

• Die meisten Alltagsaufgaben brauchen das Zusammenspiel vieler Bereiche beider Hälften.
• Bildgebende Verfahren zeigen, dass kreative Aufgaben nicht „nur rechts“ ablaufen und logische
Aufgaben nicht „nur links“

Kurz: Dein Gehirn ist kein Entweder‑oder („links oder rechts“), sondern ein Sowohl‑als‑auch, das über den Balken koordiniert wird.

Ein kurzer Blick auf die Forschung mit „geteilten Gehirnen“

Spannend wurde das Thema, als bei einigen Menschen mit schwerer Epilepsie die Verbindung zwischen den beiden Hälften operativ durchtrennt wurde – eine sogenannte Corpus‑Callosotomie. In den 1960er‑Jahren untersuchte Roger W. Sperry diese Menschen in Experimenten und erhielt dafür 1981 den Nobelpreis.

In vereinfachter Form sah ein typisches Experiment so aus:
• Die linke und die rechte Gesichtsfeldhälfte bekamen unterschiedliche Bilder gezeigt.
• Jede Hirnhälfte konnte nur auf den Teil reagieren, den sie gesehen hatte.
• So kam es vor, dass eine Hand ein Objekt korrekt auswählte, das die Versuchsperson sprachlich
nicht benennen konnte.

Diese Befunde zeigen eindrücklich, dass bestimmte Funktionen in den beiden Hirnhälften spezialisiert sind und Informationen zeitweise auf getrennten Wegen verarbeitet werden. Gleichzeitig gilt der populäre Mythos von „linkshirnigen“ und „rechtshirnigen“ Menschen heute als wissenschaftlich überholt: Eine grosse Hirnscan‑Studie der University of Utah mit über tausend Teilnehmenden fand zwar lateraliserte Netzwerke (etwa Sprache eher links, Aufmerksamkeit eher rechts), aber keinen Hinweis darauf, dass Menschen insgesamt ein „stärkeres linkes“ oder „stärkeres rechtes“ Gehirn hätten. Neuere Arbeiten betonen zudem, dass viele alltägliche Fähigkeiten auch nach einer Balkendurchtrennung erstaunlich gut koordiniert bleiben und das Gehirn über verbliebene Verbindungen und Umwege weiterhin integriert arbeitet

Was heisst das für deinen Alltag?

Für unseren Alltag ist weniger interessant, ob wir „links“ oder „rechts“ sind. Entscheidend ist, wie gut beide Seiten zusammenspielen. Du kannst dir zum Beispiel Fragen stellen wie:

• Nutze ich meine analytische, strukturierende Seite dort, wo sie mir hilft – etwa beim Planen,
Priorisieren, Entscheiden?
• Gönne ich meiner bildhaften, intuitiven Seite genug Raum – etwa beim Entwerfen von Lösungen,
beim Führen von Gesprächen oder bei kreativen Projekten?
• In welchen Situationen kippe ich sehr stark auf eine Seite (zum Beispiel nur noch analysieren oder
nur noch fühlen) und verliere dadurch Optionen?

Genau hier setzt Mentaltraining an: Es hilft dir, diese inneren Ressourcen bewusster zu nutzen und miteinander zu verbinden – statt sie gegeneinander auszuspielen.

Beim nächsten Artikel erfährst du wie der Coretex das Steuer übernimmt.

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