Der bewährte Held von NovaHorizont
Wenn Victor Lenz den Blick hebt, versteht man sofort, warum er bei NovaHorizont so lange als sicherer Anker gegolten hat. Seine Präsenz ist ruhig, kontrolliert, die Haltung eines Mannes, der Verantwortung gewohnt ist. Die erfolgreichen Jahre tragen seine Handschrift – genau das macht es ihm schwer, sich einzugestehen, dass „mehr vom Gleichen“ nicht mehr reicht.
An diesem Nachmittag sitzt er in seinem Büro, umgeben von Ordnerreihen, Fachbüchern und einem Firmenfoto, auf dem er in der Mitte steht. Ihm gegenüber: Ben Aris, ohne Laptop, nur mit einem Notizbuch.
„Danke, dass Sie sich Zeit nehmen, Herr Lenz“, beginnt Ben. Victor nickt. „Sie unterstützen uns beim Strategieprozess, natürlich nehme ich mir Zeit.“
„Ich möchte mit etwas beginnen, das nicht auf den Folien steht“, sagt Ben. „Mit Ihnen.“
Victor lächelt dünn. „Mit mir?“
„Sie sind für viele der, der NovaHorizont durch schwierige Jahre geführt hat“, sagt Ben. „Ein bewährter Held, wenn Sie so wollen. Und genau deshalb spüren Sie am ehesten, dass wir nicht einfach weitermachen können wie bisher.“
Victor lehnt sich zurück. Stark sein, wenig preisgeben – seine alten Reflexe. „Ich sehe, dass sich etwas ändern muss“, sagt er. „Aber ich weiss noch nicht: Was genau – und was darf auf keinen Fall verloren gehen?“
Ben nickt. „Die Kunst ist, das, was Sie stark gemacht hat, nicht zu verleugnen – und doch Platz für eine neue Art von Stärke zu schaffen.“ Er blättert sein Notizbuch auf. „Ich habe mit verschiedenen Menschen gesprochen. Unter anderem mit einem Zwillingspaar.“
„Alex und Alena?“, fragt Victor.
„Ja. Sie kennen die beiden?“
Ein Zwillingspaar, das nicht ins Bild passt
„Natürlich“, sagt Victor. „Sie machen ihren Job gut. Engagiert, zuverlässig. Am Ende sind sie aber auch ‚nur‘ zwei Mitarbeitende unter vielen.“ Er merkt, wie hart das klingt. „Talentiert, keine Frage.“
„Darf ich Ihnen schildern, was ich gesehen habe?“, fragt Ben.
„Bitte.“
„Alex nimmt feinste Spannungen im Raum wahr, oft bevor jemand ein Wort gesagt hat“, beginnt Ben. „Alena gibt Rahmen, strukturiert, schafft Klarheit – und nimmt Menschen mit, ohne sie zu überfahren.“
Victor hört zu, innerlich beginnt es zu reiben.Ein Mann, der spürt. Eine Frau, die führt.
Das passt nicht zu den Schablonen, mit denen er gross geworden ist.„Sie möchten mir sagen, dass ausgerechnet die beiden unsere Veränderung tragen sollen?“, fragt er skeptisch.
„Ich möchte Ihnen sagen“, antwortet Ben, „dass in den beiden ein Potenzial steckt, das NovaHorizont jetzt dringend braucht. Nicht als Symbolfigur, sondern konkret: als Tandem, das Brücken schlägt – zwischen Geschäftsleitung und Basis, zwischen alten Mustern und neuen Möglichkeiten.“
„Und meine Rolle in diesem Bild?“, fragt Victor.
Wenn Stärke ihr Gesicht verändert
„Sie treten nicht ab“, sagt Ben. „Sie verändern den Rahmen so, dass andere ihre Stärke einbringen können, ohne Ihre zu verdrängen. Weniger einsamer Kämpfer, mehr jemand, der Bühne und Raum teilt.“
Victor denkt an die letzten Jahre, an Diskussionen, in denen alle von ihm die perfekte Antwort erwarteten, an Mitarbeitende, die leise verschwanden. Die Müdigkeit der letzten Zeit liegt ihm schwer in den Schultern.
„Und was genau schlagen Sie vor?“, fragt er.
„Wir holen Alex und Alena bewusst als Zwillingsteam in den Veränderungsprozess“, sagt Ben. „Sie moderieren ausgewählte Workshops, begleiten Teams in schwierigen Phasen, bringen das Unsagbare ins Gespräch – er über seine Wahrnehmung, sie über Struktur und Klarheit.“
Victor atmet tief ein. „Ein sensibles Zwillingspaar als tragende Säule unseres Wandels“, sagt er halblaut. „Vor zehn Jahren hätte ich Sie wohl ausgelacht.“
„Und heute?“, fragt Ben ruhig.
Heute, denkt Victor, ist er müde vom Immer-stark-sein-müssen. Heute sieht er, wie alte Muster bröckeln, egal, wie fest er sie hält.
„Heute frage ich mich“, sagt er langsam, „ob genau das der Schritt ist, den ich bisher vermieden habe, weil er zu sehr mein eigenes Bild vom starken Mann in Frage stellt.“
Ben lässt einen Moment verstreichen. „Dort beginnt oft das eigentliche Mentaltraining“, sagt er. „Nicht bei Übungen, sondern bei den inneren Bildern, die wir von uns selbst und anderen mit uns herumtragen. Wenn Sie bereit sind, daran zu arbeiten, werden Alex und Alena nicht Ihre Konkurrenz sein, sondern Teil Ihrer nächsten Heldengeschichte.“
Der erste, noch zögerliche Schritt
Victor blickt zum Fenster hinaus und sieht in der Spiegelung einen Mann, der viel erreicht hat – einen bewährten Helden, der zum ersten Mal ernsthaft in Betracht zieht, dass Stärke auch heissen kann, andere stark zu machen.
„Ich bin nicht so weit, jetzt begeistert ‚Ja‘ zu rufen“, sagt er. „Aber ich bin weit genug, um zu sagen: Zeigen Sie mir, wie das aussehen könnte.“
Ben schliesst sein Notizbuch. „Das reicht für den Anfang“, sagt er. „Der Rest ist Arbeit – Ihre, meine und die der Zwillinge.“
Als Victor Lenz später allein im Büro bleibt, taucht der alte Satz in ihm auf: „Der Mann stark, die Frau gefühlvoll.“ Dieses Mal legt sich leise eine neue Frage darüber: Vielleicht war Stärke nie so einfach – und vielleicht haben Alex und Alena mehr mit seiner eigenen Geschichte zu tun, als er sich bisher eingestehen wollte.
Wie ernst es Victor Lenz mit seinem eigenen Wandel ist, zeigt sich nicht zuerst im nächsten Meeting, sondern zu Hause: im Gespräch mit seiner Frau – und in einer Idee, die alles sprengt, was er bisher von der Trennung zwischen „Chef“ und „Privatleben“ gehalten hat.
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